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2020 Preface

The Masereel Group is devoted to spreading the public domain works of this great artist. The text was first acquired and then scanned. Then it was cropped, rotated, balanced, contrasted, saturated, despeckled, noise-reductioned, and some manually touched up. This was followed by OCR scanning, manual proofreading, and translating into English.

This book is in the public domain in the United States (because it was published before 1925), but it is not public domain in Europe (because its author died in 1972). But the Masereel Group is based in the United States, so everything within here is released under the Public Domain, and all content that is not allowed to be licensed under the Public Domain is released under the Creative Commons Attribution (CC-BY) 3.0 License.

UprisingEngineer, Masereel Group,
August 30, 2020

Die Idee
83 Holzschnitte
von
Frans Masereel

Einleitung von Hermann Hesse


Kurt Wolff Verlag / Munchen

5. -- 9. Tausend

Gedruckt im Jahre 1928 von der Offizin Haag-Drugulin, A.-G. in Leipzig / Einbandzeichnung von Emil Preetorius / Copyright 1927 by Kurt Wolff Verlag A. G., München / Printed in Germany

EINLEITUNG

La passion d'un h0mme“, ,Der Leidensweg eines Menschen', so hieß der Titel der ersten Holzschnittfolge von Frans Masereel, die ich vor Jahren zu Gesicht bekamseit damals gehört Masereel zu den Kameraden auf Erden, die ich liebe und verehre und mit zur inneren Bruderschaft zähle, obwohl ich ihm nie persönlich begegnet bin, und obwohl er von Art und Herkunft mir eigentlich gar nicht nahe steht, sondern eher mein Antipode ist.

,,Leidensweg des Menschen“ so könnte als Titel über dem ganzen Werk dieses herrlichen, fanatischen, kindlichen, raffinierten Künstlers stehen, und schon damit ist gesagt, daß Masereel von allem Anfang an schon mitten im Zentrum aller Kunst steht. Denn der Leidensweg des Menschen, die Passion der Menschwerdung, das schmerzliche Unterwegssein auf diesem schweren Wege, die tausend Aufschwünge, tausend bitteren Rückfälle -- diese Passionsgeschichte ist der einzige und ewige Inhalt aller Kunst.

Dieser so moderne Künstler Masereel, dieser echte Großstädter, dieser neugierige, leicht begeisterte, immer hungrige, immer aufnahmehereite Kindermensch, der es so häufigmit Fabriken und Autos, mit Schwungrädern und Leitungen, Wolkenkratzern und großstädtischem Straßenbetrieb zu tun hat, der das verzerrte Gesicht des Wucherers, das rohe des Polizisten, das dumme der Huer, das böse des Ausbeuters hundert- und tausendmal so sehrzeitgemäß dargestellt hat, erist im Grunde immer mit etwas durchaus Zeitlosem und Ewigem beschäftigt: mit der ewig gleichen, ewigleidvollen, ewigbegeisternden Geschichte des Menschen. Wie aus diesem zweibeinigen, begabten, bösen, gefährlichen, feigen Vieh Mensch jener andere Mensch werden kann, den die Religionen und die großen Kulturen meinen, der Mensch der Idee, der Mensch im Dienste Gottes, der Mensch der Liebe, Selbstüberwindung und Güte - diese uralte, ernste, frohe, heilige Geschichte, von der die Bibeln aller Völker und Zeitalter handeln, dies Bethlehem, Jerusalem und Golgatha des Werdenden, des strebenden Menschen ist der Inhalt von Masereels Kunst, immer und immer wieder. Er redet nicht von Moses und von den Königen, nicht von den Propheten und nicht vom Heiland, er spricht von sich selber und von uns, seinen Brüdern, er spricht vom Menschen unserer Zeit, wie er inmitten seiner Städte, seiner Maschinen, seiner Heere und Kasernen, seiner F abriken und Zuchthäuser seinen Weg sucht, die Sehnsucht nach Gott im Herzen, von der Welt bald mit allem holdesten Liebesreiz angezogen und gefesselt, bald tief beleidigt und enttäuscht, in hundert Kämpfe verwickelt, Held und Narr eines ewigen Ideals. Viele Male hat Masereel diesen Menschen dargestellt, immer ist es er selbst. Mehrere Male schon hater ihn sterben lassen, hat er ihn an eine Mauer vor die Flinten der Soldaten gestellt und erschießen lassen, oft schon ist er seheinbar untergegangen im hoffnungslosen Kampf mit dieser so viel stärkeren Welt, mit diesen Kasernen, diesen Richtern, diesen Zeitungsund Fabrikmenschen, diesen Wueherern, diesen Raffern und Genießern. Aber immer wieder steht er auf, immer wieder beginnt er seinen schönen und schweren Weg, immer wieder stürzt er mit gebrochenen Flügeln vom Himmel, um sich immer Wieder in begeisterter Stunde aus dem trüben Kammerfenster des Alltags zu schwingen. Und alle diese Kämpfe - das ist das Wunderbare! - alle diese Kämpfe, diese Leiden, diese Irrfahrten und Todesqualen erlebt nicht ein Prediger, nicht ein zorniger Prophet, nicht ein anklagender Richter, nicht ein boshafter Satiriker, sondern ein Liebender. Etwas von dem, was ihn so trunken und begeistert macht und seinen Flug so hinreißend beflügelt, etwas von diesem Fernen, Göttlichen, selig Geahnten, inbrünstig Gesuchten, was er in Sonne und Meer, in Blume und Tier, in schönen Leibern und in schönen frommen Gebärden anbetet und immer wieder aufsucht, etwas vom Strahl dieses Göttlichen ist auch in seinen Fabriken, seinen Nachtlokalen, seinen Dirnenstuhen, seinen Gerichtssälen, seinen verzerrten Egoistengesichtern. Auf vielen seiner Blätter, wo der Held in die Hand der Philister fällt und vom Pöbel gesteinigt oder von der eiskalten Gerechtigkeitsmaschine des Staates totgewalzt wird, da haben zwar die Träger der rohen Gewalt recht böse, recht wüste, rohe, viehische Gesichter, aber ihr Grinsen verrät unendliche Qual -- einen schweren Weg, einen Leidensweg gehen auch sie, die Bösen, die Gewalttäter, die verirrten Brüder, die das Lebendige und Ewige in sich töten wollen, wie sie es im verfolgten Helden totschlagen. Auch sie leiden, diese rohen Gewaltmenschen, auch sie sind unterwegs auf einem schweren, mühsamen Weg, Verirrte, von Angsttrãumen Geplagte, krampfhaft das Dumme und Falsche Tuende. Auch sie leiden, auch sie sind Menschen, sind Brüder. Mit Liebe geht der Künstler, so sehr er mit seinerraschen Holzschneide-Technikzu vereinfachen scheint, auch bei seinen Bösewichtern und Ubeltätern den charakteristischen Ausdruck, derbezeichnenden Gebärde nach, er studiert den Zylinder des Elegants, die Fratze des anschnauzenden Polizisten, die Hosenfalte des Großindustriellen mit der selben Liebe, der selben Hingabe, Neugierde und brennenden Künstler-Besessenheit, wie er den Schimmer eines nackten Körpers, das Lächeln eines Kindes studiert.

In der Holzschnittfolge ,,Die Idee“ hat Masereel eines seiner entzückendsten Symbole gefunden. Da sitzt er am Tisch, der liebe Kerl, eingesponnen, sinnend, konzentriert, auf den Funken wartend. Und der Funke kommt und zündet, aus des Künstlers Haupt springt hell und leicht die Idee, eine kleine, holde Mädchenfigur, eine schimmernde, nackte kleine Undine, die er entzückt und dankbar begrüßt, ans Herz drückt, anbetet, voll Verliebtheit küßt. Dann aber ist die heilige Stunde schon herum, die Idee muß fort, sie muß in die Welt hinaus, zu den Andern. Traurig nimmt er von ihr Abschied, bekümmert sieht er sie ihren Weg antreten. Sie gehört nicht mehr ihm, die liebe Kleine, sie ist fortgeflogen und geht nun der Welt entgegen, ihrer Mission entgegen. Mit Neugierde, mit Freude wird sie empfangen, mitten unter einem Schwarm von Menschen, die bereit sind, sie zu packen, auszubeuten, weiterzuverschachern. Man steckt sie, das nackte, schöne Märchenkind, schnell in Allerweltskleider, traurig trägt sie die Kleider durch die Gassen, entspringt ihnen rasend, rast und tanzt nackt und strahlend durch die Welt, wird vom Volk begafft, vom Philister beargwöhnt, von der Moral denunziert, von der Polizei abgeführt, eingesperrt, neu eingekleidet. Sie findet ihren Vater und Helden wieder, der sie selig empfängt, der ihretwegen verfolgt wird, gefangen wird, zum Tode geführt wird -- aber stets ist sie bei ihm, macht das Leid zur Freude, und als er erschossen werden und für seine Idee sterben soll, stellt sie sich zwischen ihn und den Tod, muß ihn aber doch sterben sehen und begraben helfen. Sie läuft weiter durch die Welt, die liebe kleine Fee, sie entzückt und erschreckt die Menschen, wird von ihnen begehrt und verfolgt, sie flüchtet in eine Druckerei, wird vervielfältigt, fliegt verhundertfacht weiter, kommt in tausend Hände, vor tausend Augen, erregt Liebe und Verachtung, Verehrung und Ärgernis - wie schwingt sie sich froh und leicht empor auf dem Blatt, wo sie die Presse verläßt! - Wieder wird sie verfolgt, wird verbrannt, aber während die Verbrenner frohlockend in die Asche stieren, schwebt sie schon wieder hoch in den Lüften davon, erobert den Draht, das Telephon, die Bahn, den Morse-Apparat, den Photographen und Film, spielt überlegen und nixenhaft mit dem ganzen komplizierten Apparat unserer Mechanik, bringt alles in Erregung, bringt alles durcheinander, streut eine Saat von Unruhe, von Leben, von Liebe, von Empörung, und findet am Ende, nach achtzig Abenteuern, zu Ihm zurück, zu ihrem Vater und Geliebten. Der sitzt und hat soeben ein neue, schöne Idee geboren - aber war er denn nicht totgeschossen? begraben? Nein, er lebt längst wieder, vielleicht ist er seither schon manchen Tod gestorben, durch manches Gethsemane gegangen. Sie schwebt zu ihm herein und sieht ihn traurig von der neuen Idee besessen, in die neue Schwester verliebt, aber a uch die darf nicht bei ihm bleiben, auch sie muß hinaus und ihren Passionsweg an treten. So schließt sich der Ring, einsam bleibt der Schöpfer zurück.

Ich möchte Wohl Wünschen, daß diese Idee diese kleine, strahlende Zauberin, recht Viele in sich verliebt mache, recht Viele bezaubere und mit Sehnsucht nach ihrer Heimat, unserer aller Heimat, erfülle. Sie ist ein Funke von jenseits, ein zarter Ruf aus der höheren Welt, eine zarte Mahnung an unser Ziel und unsere Aufgabe, an den Weg der Menschwerdung, der vor uns liegt. Wir wollen sie nicht belächeln und nicht verfolgen, dieses schöne Mädchen aus der Fremde, wir wollen sie Weder verfolgen noch verbrennen, noch herabziehen und zur Huer machen. Sie ist unsere liebe kleine Schwester, ist ein Gruß aus unserer fernen Heimat.

Der Mann, der diese wunderbare kleine Bildergeschichte, und noch manch andere, gedichtet hat, ist ein Belgier, und während des Krieges erschien er eines Tages in der Schweiz, nicht um nach Rache für sein Vaterland zu schreien, sondern um dem Kriege selbst den Krieg zu erkläern. Tag für Tag erschienen damals, Freude und Trost für eine treue kleine Schar von Gesinnungsgenossen, Masereels Holzschnitte gegen den Krieg, jeden Tag ein neues Blatt. Wir andern waren damals ja alle sehr beschäftigt, wir mußten schießen oder Gefangene bewachen, oder Wunden verbinden oder neue Ersatzmittel erfinden. Aber wenn ich jetzt an jene phantastische Zeit zurück denke, so scheint mir eigentlich Masereel der Einzige gewesen zu sein, der damals Tag für Tag etwas Vernünftiges, etwas Gutes und Dankeswertes getan hat. Dafür möchte ich ihm bei dieser späten Gelegenheit meinen Dank ahstatten.

Hermann Hesse

DOKTOR LOUIS LAVA

ZUGEEIGNET

Chronology

September 05, 2020 ; 6:37:16 PM (America/Los_Angeles) :
Added.

September 06, 2020 ; 6:40:51 PM (America/Los_Angeles) :
Updated.

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